Regionale Spuren der Familie Fritsch

Auf den regionalen Spuren der Familie Fritsch

Leipziger Volkszeitung vom 7. November 2002 Geithainer Ausgabe Seite 29
"Aufruhr" endete für Fritzsching 1523 vor Gericht

Geithain. Wer sich mit der Vergangenheit der näheren und der weiteren Umgebung Geithains, also mit der sächsischen Geschichte beschäftigt, wird auf einen Mann stoßen, der im Jahre 1762 zum Vorsitzenden der Kommission zum Wiederaufbau des Landes berufen und später als "Friedensminister" tätig geworden ist, mit Namen: Thomas Reichsfreiherr von Fritsch. Seine Vorfahren stammen aus der Region bzw. aus der Stadt Geithain und sind heute wenig bekannt. Es lohnt sich deshalb ein familiärer Ausflug in eine weit zurückliegende Zeit.

 

Leipziger Thomas Fritsch (um 1710)
Leipziger Thomas Fritsch (um 1710)

Im Februar und im Juni des Jahres 1523 muss sich August Fritzsching aus Obergräfenhain zweimal vorm Amtsrichter in Rochlitz verantworten wegen "einem Aufruhr", also einer Schlägerei, in einem Gasthaus in Ratendorf. Die ältesten Nachweise der Fritsch?Familie finden sich in den Steuerlisten: 1501 ist es Niklas, der Großvater von Augustin, 1502 aber Thomas, sein Vater; er wird zum Namenspatron für viele Generationen. Augustin wird als Erbe 1532 Eigentümer des väterlichen Bauernhofes in Obergräfenhain. Zu dieser Zeit sind im Dorfe 32 Bauernfamilien und sieben Häuslerfamilien ansässig.
Seit 1573 wohnt Thomas Frizsch, geboren nach 1547, ein Enkel des Augustin, in Altdorf. Vermutlich ist er durch die Eheschließung mit Margarete Fromelt ein Jahr zuvor in die Nachbarschaft Geithains gekommen. Bald Witwer, die erste Ehefrau ist im Kindbett gestorben, ehelichte er 1578 Margarete Nößel. Erst im Jahre 1589 erwirbt er das Geithainer Bürgerrecht und ein Haus im 2. Stadtviertel, In der heutigen Chemnitzer Straße (Nr. 54), in dem er mit seiner Familie wohnt. Wir wissen nicht, welchen Beruf Thomas ausgeübt hat und wie er dazu kam, den Hauskauf in der Stadt zu finanzieren. Jedenfalls ist er außerhalb von Geithain im Jahre 1601 verstorben. Sein Haus wird 1604 von den Erben verkauft.
Sohn Johannes aus der zweiten Ehe des Thomas ist im Jahre 1579 in Altdorf geboren, dessen gleichnamiger Sohn kam 1603 zur Welt. Letzterer ist städtischer Röhrmeister gewesen, also zuständig für die laufende Instandhaltung der Trinkwasserleitung und der Brunnen, zunächst als Geselle seines späteren Schwiegervaters und Röhrmeisters Paul Rüdiger, bei dem er vermutlich den Beruf des Zimmermanns erlernt hat. Dieser "Hans" genannte Fritzsche hatte mit seiner Frau Anna zehn Kinder. Ihr dritter Sohn (das siebte Kind) Johannes (geboren 1635) verließ nach dem Besuch der Lateinschule Geithain und lernte in Leipzig in der Buchhandlung Schürers Erben. Sein älterer Bruder Christian studierte in Wittenberg und wurde Stadtschreiber in Treuenbritzen am Fläming.
Schon vor 1660 wurde Johannes Fritzsche, er nannte sich seither Johann Fritsch, Geschäftsführer dieser Buchhandlung, die als größte damals in Deutschland galt. Einige Jahre später heiratete er die älteste Tochter seines Chefs und Firmeninhabers, die Catharina Margaretha Götz.
Das spricht für die berufliche Tüchtigkeit des jungen Fritsch, und führt zu seinem Aufstieg in das Großbürgertum. Denn sein Schwiegervater hinterließ bei seinem Tode 1672 ein Vermögen von mehr als 100 000 Gulden, das an fünf Kinder zur Verteilung gelangte. Zum Vergleich: die Gesamteinnahmen der Stadt Geithain betrugen vor dem Stadtbrand von 1670 ca. 3000 Gulden, danach weniger als 2000 Gulden jährlich! Der Umfang von Götzes Vermögen ist demnach unvorstellbar groß gewesen.


 Er sorgte maßgeblich für den Friedensschluss mit Preußen
2. Teil
 
Leipziger Volkszeitung vom 14. November 2002 Geithainer Ausgabe Seite 29
 
Auf den Spuren der Familie Fritzsch in der Stadt Geithain und der Region (2) / Ein Nachfahre ist heute Mitglied im Geithainer Heimatverein
 
Geithain. Johann Fritsch gelang es innerhalb weniger Jahre, Eigentümer dieser Buchhandlung und des Verlages zu werden. 1673 erhielt er das Leipziger Bürgerrecht. Im Protokollbuch heißt es: Johann Frizsche von Geithen bescheiniget seine Ehelige Geburth, zahlet 35 Reichsthaler vor das Bürgerrecht, juravit [hat den Bürgereid geschworen]. Nur 45 Jahre alt ist er 1680 während des Besuchs der Buchmesse in Frankfurt am Main gestorben. Sein ältester Sohn Johann Thomas (1666?1726) übernahm die Buchhandlung und den Verlag mit 27 Jahren. Viele kaiserliche Druckprivilegien sind ihm verliehen worden, und weit über Leipzig hinaus hat er größtes Ansehen erlangt wegen seiner Erfolge als Buchverleger und wegen seines Reichtums. Sein einziger Sohn Thomas, der 1700 geboren wurde, zeigte schon früh ungewöhnliche Geistesgaben, studierte Rechtswissenschaften und erwarb den Titel des Dr. jur. zweiundzwanzigjährig. Im Jahre 1727 wurde er Direktor des sächsischen Münz?Cabinetts in Dresden. Bereits vorher hatte er das Rittergut Seerhausen bei Riesa erworben, dessen Gebäude 1948 gesprengt wurden.
Im dreißigsten Lebensjahr erhielt Thomas Fritsch vom Kaiser Karl Vl. den Reichsadelsstand. Gleichzeitig wurde er königlich?polnischer und kurfürstlich?sächsischer Regierungsrat. Sein Titel lautete nun Thomas Freiherr von Fritsch?Seerhausen. Hochgeehrt starb er 1775 als Staatsminister, Mitglied im Geheimen Konsilium des Kurfürsten. Die Sachsen haben vor allem ihm den Friedensschluss mit dem Preußenkönig 1763 zu verdanken ? den so genannten Hubertusburger Frieden.
Auch in der neuesten Zeit hat es Verbindungen gegeben und gibt es sie mit der Fritsch?Familie nach Geithain. So finden wir im Jahre 1912 und 1930 zu den Jubiläen des 2. Königlich?Sächsischen Ulanenregimentsments Nr. 18, Standquartier Geithain der 4. Schwadron, als Ehrengäste die Freiherren von Fritsch. Und auch nach 1990 ist ein Thomas Freiherr von Fritsch, jetzt in Schwäbisch-Gmünd lebend, mit Veröffentlichungen und mit Besuchen in der Stadt für die Aufhellung der jüngsten Vergangenheit tätig; er ist Mitglied des Geithainer Heimatvereins. Im Jahre 1999 sind seine Verdienste durch den Nestor der sächsischen Landesgeschichte, Professor Dr. Karlheinz Blaschke, öffentlich gewürdigt worden.

(Schluss)
Dr. Wolfgang Reuter