Carl-Wilhelm Frhr. v. Fritsch (*1769)

Leitender Minister in Weimar

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Carl-Wilhelm Frhr. v. Fritsch

Der letzte gemeinsame Vorfahre der drei Zweige der Familie, Carl-Wilhelm Freiherr v.Fritsch, 1769- 1851, leitender Minister in Weimar, hat wenige Jahre vor seinem Tode seine Lebenserinnerungen diktiert. Selber zu schreiben war ihm wegen eines Augenleidens im Alter verwehrt. Diese "Erinnerungen aus dem Leben"liegen bislang nur hand­schriftlich vor.  

Die leben­dig und sehr lesbar geschriebenen Aufzeichnungen sind ein interessanter Beitrag zur Geschichte nicht nur der Familie, sondern der Epoche überhaupt. Sein Leben in Weimar führte Carl-Wilhelm mit zahlreichen bekannten und bemerkenswerten Persönlich­keiten zusammen; seine berufliche Tätigkeit als leitender Minister in Weimar brachte ihn mit den epochalen Veränderungen seiner Zeit in Berührung und erlaubte ihm manches in­teressante Urteil. Ein im folgenden ab­gedruckter Auszug gibt Erinnerungen an seine Kind­heit wieder; eine Veröffentlichung weiterer Abschnitte ist geplant. In Klammern sind Erläuterungen hinzugefügt worden, die Zeichensetzung wurde ak­tualisiert.  

"Als die wichtigsten Ereignisse der Kindheit und Jugend verdienen bemerkt zu werden: der Schloßbrand 6.Mai 1774, welcher Weimar in großes Schrecken und Verlust versetzte, auch für die Familie den Erfolg hatte, daß das von dem Vater erbaute Haus für die Herzogin Mutter angekauft wurde (das heutige Wittums-Palais). Der Vater bezog zuerst das für Göthe später vom Herzog gekaufte und eingerichtete Haus, einige Jahre nachher wurde der "Schwarzburger Hof" in der Rittergasse und am Töpfermarkt von den Eltern erkauft.  

Der Regierungsantritt des Herzogs Carl August (von Sachsen-Weimar, 1757 - 1828, Regie­rungsantritt 1775), die Heimführung seiner Gemahlin Luise (Heirat ebenfalls1775)  gaben zu Festen Veranlassung, welche von der Jugend nicht unbemerkt blieben; ebenso war Göthes Eintritt in das Ministe­rium und (Johann Gottfried) Herders Berufung als Generalsuperinten­dent Begebenheiten, welche auch der Jugend Aufmerksamkeit veranlaßten, umsomehr, da des Vaters (Jacob Friedrich, 1731 - 1814) Gesinnungen und Ansichten mit beiden Ernen­nungen nicht einver­standen waren. Herders Antrittspredigt hat der Knabe mit angehört und ist von Göthe bei Kinderfesten, die dieser veranstaltete stets zugezogen worden, wie er auch bei den verschie­denen Aufzügen auf den Maskenbällen, die Göthe leite­te gewöhnlich mit gebraucht wurde. In dem Aufzug "Der Winter", worin Göthe den Schlaf,  Frau v.Stein die Nacht vor­stellte, war ihm die Rolle des "glücklichen Traumes" zugetheilt. An theatralischen Vorstel­lungen Theil zu  nehmen, gestattete der Ernst des Vaters nicht, doch war erlaubt, als Zu­schauer seine Gespielen und Jugendgenossen zu bewundern. Die ersten Vorstellungen der "Iphigenia" (1787), bei welchen Göthe den Orestes vorstellte, des "Barbiers  von Se­villa", ... sind, wie die meisten der Gelegenheitsstücke, von mir gesehen worden  ...   Zu den Winterbelustigungen gehörten auch die Eisfahrten mit Schlittschuhen. Von dem Herzog wurden mir Schlittschuhe geschenkt und so die Zustimmung  des Vaters zu dieser Kunst erwirkt, welche in der Folge sehr ausgebildet wurde.  

In dem elterlichen Hause war die Lebensordnung sehr geregelt und einförmig, der Vater war ein ernster, pflichteifriger Mann, der vom frühen Morgen bis zum Mittag, wie des Nachmittags von 3 Uhr bis Abends 8 Uhr an dem Schreibtisch beschäftigt war. Nur 3mal in der Woche erlaubte  er sich einen Spazierritt von einer Stunde, erschien pünktlich in den zwei Sitzungstagen (des Geheimen Consiliums, der von ihm geleiteten Oberbehörde des Fürstentums), selten am Hof, nie auf Bällen noch Theater, was ihm früher, so wie Conzerte und Gesang, viel Vergnügen gemacht hatte. Die Mutter (Johanna Sophia, geb. v. Haeseler, 1748 - 1836) war mehr zur Geselligkeit geneigt, ordnete aber meist diese Neigung dem Ge­schmack des Mannes unter.

 

Obwohl die Familie aus 5 Kindern bestand, so waren doch nur der mittelste (Carl Wilhelm) und der jüngste Sohn Ludwig in dem väterlichen Hause, da der älteste Sohn Friedrich früh­zeitig  ... in Roßleben als Pensionair untergebracht wurde, die beiden Schwestern aber bei ihrer wohlwollenden Tante, der verw. Frau v. Lohse (Schwester des Vaters) in Goddula erzo­gen wurden. ...

  Zu den jährlich wiederkehrenden Vergnügungen gehörte der Sommeraufenthalt in Seerhau­sen, wo der Vater von den Geschäften weniger überhäuft viel heiterere war und fast täglich Gäste bei sich sah. Dort erhielten wir den Besuch des Canzlers v. Fritsch (Carl-Abraham Graf v. Fritsch, 1734 - 1812, jüngster Bruder des Vaters, kursächsischer Kanzler), seiner Gemahlin und seiner Kin­der... An Herbstabenden wurde eine Partie L'Hombre (ein Karten­spiel), jeden Nachmittag Billard ge­spielt, auch auf der Kegelbahn oder auf Kanälen mit Kahnfahrten sich  erlustigt. Bei schlechten Wegen war die Reise etwas langweilig, dagegen der Ruhepunkt in Goddula, bei der verehrten Tante und im Umgang mit den Schwestern stets der erfreulichste. ... Von den äußeren Verhältnissen sei der Erbfolgekrieg von Baiern, 1778, nur bemerkt, weil das Regiment Herzog von Braunschweig Infant. auf dem Rückmarsch nach Halberstadt in Seerhausen einquartiert war und der Stab nebst einigen Hundert Unteroffizieren und Ge­meinen zwei Tage bei uns verweilten. Im Winter war eine Hauptunterhaltung das Concert, welches regelmäßig alle Sonntag Abends am Hof gegeben wurde. Auf der Gallerie war der Zutritt denen gestattet, die nicht zu der Hofgesellschaft gehörten, so auch war uns vergönnt, an diesem Vergnügen theilzuehmen. Größer war später in Weimar der Jubel, als der jetzige Großherzog (Carl-Friedrich, 1783 -1853)   d.2.Febr.1783 geboren wurde. Ein eigenthümlicher Aufzug nach italienischer Art durchzog die Straßen, der älteste Bruder befand sich unter den berittenen Begleitern.   Wie der ältere Bruder wurde ich, 15 Jahre alt, öffentlich in der Stadtkirche von Herder confirmiert. Unbeschreiblich ist der Eindruck, welchen die hohe Würde, der Ernst und Milde dieses ausgezeichneten Mannes hervorbrachte. Er selbst hatte 6 Wochen hindurch die Hauptstücke der christlichen Religion den 110 Confirmanten vorgetragen und erklärt. Nun wurde ich den Erwachsenen beigezählt..."